Der Weg.

Das orangegelbe Strahlen der Abendsonne spiegelt sich in den sanften Wogen des Flusses, der sich seit abertausenden Jahren durch die herbstliche Aulandschaft schlängelt. Umgeben von mächtigen uralten Bäumen - stumme Zeugen längst vergangener Zeiten - führt ein schmales Wegerl durch die romantische Stille der Au. Außer ein paar Fischern und Jägern verirren sich nur vereinzelt ein paar abenteuerhungrige Sparziergänger in die weitgehend noch naturbelassene Flora und Fauna.
Fünf Jahre später. Wieder spiegelt sich die Sommerabendsonne im Fluss, dessen silbernes Glitzern nun schon viele bewundern. Zu den Fischern gesellten sich Walker und Jogger, die bald mehr und mehr dem ungeduldigen Klingeln von Bikern ausweichen mussten. Längst ist die erholsame Stille des Unberührten dem Lärm von Motorbooten, Waterbikes und anderen Vergnügungen gewichen. Und: immer öfter heulen Kettensägen auf, zum Leidwesen der stolzen Baumriesen. Sie müssen für immer weichen. Der kleine Waldweg wurde breit und erwachsen.
Fünfzehn Jahre später. Immer vielfältiger und aufwändiger wurden die Sport- und Freizeitevents, und sie beanspruchten ihren Platz. Anfangs schossen Betonstege, Bootshäuser aus dem Boden, später kamen Wochenendhäuser, Souveniershops und Marktbuden dazu. Bis schließlich Wellnesshotels mit riesigen Freizeit- und Sportanlagen entstanden. Auch Wettbüros dürfen nicht fehlen. Statt der Natur florierten nun die Kassen. Eine breite, belebte Asphaltstraße lässt nichts mehr vom einstigen engen, einsamen Auweg erahnen. Auch der Urwald war längst gerodet, die Areale - wie erwähnt - dicht verbaut. Ein paar Zierbäume und -sträucher sind jetzt der einzige Naturschmuck an der Touristenmeile rund um den alten Fluss.
Die Jahre vergingen. Auch die Schönheit der Landschaft ist mittler Weile Vergangenheit. Aus dem glänzenden Fluss war eine stinkende, trübe Kloake geworden, umgeben von dahin rottenden Müllhalden, verwaisten, dem Verfall preisgegebenen Baulichkeiten. Touristen verirren sich längst keine mehr in diese unwirtliche Gegend. Am Beginn der ehemals überlasteten Verkehrsmeile rund um die Kloake ist ein Schild befestigt: Zutritt strengstens verboten - Sie gefährden Ihre Gesundheit! ...wieder einmal hat sich die Freiheit, aus allem und kurzfristig Profit zu schlagen, so lange es geht, durchgesetzt. Auf der Strecke blieb ein Naturjuwel.
Strengberg, Jänner 2008
© Max Neuhofer